Großartige Hilfsaktion auf Eiderstedt

08.11.2017

"Wir sind alle seine Kinder!"

Zur Gruppe „Wir sind auch seine Kinder“ gehören insgesamt 23 Personen. Sarah Ponath, Kathrin Lutz Patrizia Bock, Janina Iben, Isabella Curdt und Fee-Luisa Eichmann (v.l.n.r.) würden sich über weitere Mitstreiter jedoch freuen. Foto: Gieseler

Tönning (ug) – Wenn jemand viele Jahre Rektor einer Schule war, hat er unzählige junge Menschen ein Stück ihres Weges begleitet und sie ins Leben entlassen. Arnim Kerschke war ein solcher Rektor, und zwar der ehemaligen Realschule in Tönning. Mehr als 25 Jahre lang leitete er die Geschicke der Schule. Ehemalige Schüler und Schülerinnen bezeichnen ihn als gütigen und gerechten Rektor, der nicht nur Wissen vermittelte, sondern auch Werte wie Mitgefühl, Empathie sowie Fürsorge anderen gegenüber. Außerdem brachte der damals (1975) jüngste Rektor Schleswig-Holsteins frischen und modernen Wind in die Realschule. Seinen Ruhestand konnte er lange Zeit genießen, doch seit über einem Jahr ist er schwer erkrankt und lebt nun in einem Pflegeheim in Tetenbüll.
Seine Frau Margot Kerschke (82 J.), die in Tönning lebt, besucht ihn täglich, denn jeder Tag könnte der letzte sein. Doch Margot Kerschke hat keinen Führerschein und der Weg nach Tetenbüll ist beschwerlich. Bis Katharinenheerd fährt die Bahn, dann muss sie 2,5 Kilometer Fußmarsch auf sich nehmen, bei jedem Wetter in Hitze und Kälte. Ihre Hoffnung, den Rufbus für Hin- und Rückfahrt nutzen zu können, zerschlug sich, zumindest was die Hinfahrt betrifft. Der Rufbus fährt im mittleren Eiderstedt, und eine Erweiterung der Fläche, die dann auch Tönning umfasst, ist erst für August 2018 geplant.
Margot Kerschke tat genau das Richtige. Sie machte ihre Misere publik! Kathrin Lutz, eine ehemalige Schülerin der Realschule Tönning, hörte davon und war der Meinung: „So kann das nicht weitergehen, da muss man helfen!“ Gesagt, getan!
Über soziale Medien verbreitete sich ein Aufruf. Es wurden Fahrer gesucht, die Margot Kerschke täglich nach Tetenbüll fahren, und zwar immer dann, wenn es familiär nicht klappt, denn die drei Kinder der Familie Kerschke helfen so viel sie können, leben jedoch weit entfernt.
Der Aufruf schlug ein wie eine Bombe. Aus Nordfriesland und Dithmarschen meldeten sich ehemalige Schüler/innen und boten ihre Hilfe an. Eine von ihnen ist Viola Littmann, die mit Rektor Kerschke eine ganz besondere Geschichte verbindet. „Herr Kerschke sorgte dafür, dass ich am Schwimmunterricht teilnehmen konnte. Finanziell war die Anschaffung eines Badeanzuges meiner alleinerziehenden Mutter von vier Kindern nicht möglich. Herr Kerschke ging mit mir in ein Tönninger Bekleidungsgeschäft und kaufte mir einen Badeanzug. Ich war so glücklich. Diese Geschichte vergesse ich niemals.“
Aber auch Menschen, die mit Arnim Kerschke nie etwas zu tun hatten, sind dabei: „Es ist ein Akt der Menschlichkeit“, sagt zum Beispiel Patrizia Bock aus Tönning, die erst vor zehn Jahren von Berlin nach Eiderstedt zog und fügt hinzu: „Wir gehen den Weg mit Frau Kerschke gemeinsam, solange es dauert.“ Sonja Klug, auch ein Mitglied der Gruppe, die sich „Wir sind auch seine Kinder“ nennt, sagt: „Unsere Hände können helfen, einen Schwachen zu tragen.“ Und das tun die 23 Mitglieder dieser Gruppe, die sich teilweise untereinander gar nicht persönlich kennen, nun schon seit einigen Wochen. Jeden Tag steht ein Fahrer oder eine Fahrerin pünktlich um 14 Uhr vor der Haustür von Margot Kerschke. Sie steigt ein, und die Fahrt ins 10 Kilometer entfernte Tetenbüll beginnt. Gesprächsstoff gibt es immer, denn Margot Kerschke ist eine äußerst kommunikative Dame.
Nach dem Besuch bei ihrem Ehemann nutzt sie für die Rückfahrt nach Katharinenheerd den Rufbus und nimmt von dort die Bahn. Natürlich ist sie der Gruppe „Wir sind auch seine Kinder“ sehr dankbar, das betont sie immer wieder. Auch bemerkt sie durchaus verschmitzt: „Mein Mann muss wohl ein guter Lehrer gewesen sein.“ Dank wollen die Fahrer aber gar nicht. Sie sind mit Güte und Hilfsbereitschaft, aber auch mit einem gewissen Eifer dabei und freuen sich, dass diese Aktion inzwischen von ganz allein läuft, denn sie sind bestens organisiert. Mittels einer gemeinsamen Kalender-App organisieren sie die Fahrten. „Der Fahrplan ist immer ca. sechs Wochen im voraus ausgebucht“, freut sich Kathrin Lutz und gibt bekannt: „Dennoch sind weitere Fahrer herzlich willkommen. Sie können sich unter der Nummer 0160 6216268 gerne melden.“
In einer Zeit, in der Schreckensnachrichten sich aneinanderreihen und man meinen könnte, die Menschen seien zu sehr mit sich selbst beschäftigt und würden zu wenig Mitgefühl haben oder es auch nur nicht richtig zeigen können oder mögen…, in so einer Zeit macht eine Gruppe von Menschen einem Ehepaar das Leben ein wenig leichter, und zwar nur aus Sympathie, aus Mitgefühl und aus einem Gefühl der Verbundenheit heraus. Das macht Hoffnung!

Haushaltskalender 2018