Erinnerungen an die Schneekatastrophe

Jahrhundertwinter: Als der Norden im Schnee versank

Die zugefrorene Lecker Au Anfang 1979. Foto: Christiansen

Leck (mm) – Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst. Unser Leser Wilfried  Christiansen aus Leck erinnert in dieser Woche an den Katastrophen-Winter 1978/79:

Mein Name, Wilfried Christiansen, geboren in Stadum und ab 1964 in Leck aufgewachsen.  Ich kann mich an viele schöne Winter in meiner Jugend erinnern. Oft gab es weiße Weihnachten und wir waren meistens im Langenberg Forst mit unseren Holzschlitten bei der Ahlefeldhöhe rodeln.  Der Winter 1978/79 übertrumpfte jedoch alles, was man sich als Jugendlicher vorstellen kann. Die extremen Windböen sorgten für meterhohe Schneewehen und man war nicht mehr in der Lage sein Zuhause zu verlassen. Die Schule fiel natürlich aus und man wurde daheim vom Vater eingebunden, die vielen Schneemassen vor der Tür schnellstmöglich zu räumen. Nach stundenlanger Knochenarbeit gelang es uns dann zumindest den Gehweg bis zur Straße passierbar zu machen. Doch auch die Straße war voll mit der weißen Pracht. Es war ja auch ein Nebenweg im Wohngebiet und die hatten keine Priorität. Die überschneite Auffahrt bis zur Garage wurde uns vom Vater erspart. Er hätte ohnehin mit seinem VW Käfer nicht fahren können. Durch die Last der Massen litten natürlich auch die Bäume und andere Pflanzen sehr, aber dafür hatte ein 15 jähriger Bub natürlich keinen Blick. Mit meinen Kumpels, Uwe, Achim und Lutz aus der Nachbarschaft wurde ein Marsch durch die Schneewehen in Richtung Stadum, entlang der B 199 geplant. Aufgrund der Bundeswehr und deren Fahrzeuge in der General-Thomsen-Kaserne (heute Südtondern-Kaserne) wurden die Bundesstraßen in unserem Bereich zügig professionell geräumt. Dieses musste allerdings aufgrund des heftigen Schneefalls und den ständigen hohen Verwehungen immer wieder neu erfolgen. Die Fahrzeuge waren gefühlt rund um die Uhr im Einsatz.  In einem kleinen Rucksack hatte ich mir etwas Proviant gesteckt und meine Mutter hatte mir noch eine Thermoskanne mit Tee dazugestellt. Ich packte mich warm ein unter meinem Bundeswehrparka, welcher damals für alle jugendlichen Jungen ein beliebtes Kleidungsstück war. Ich stapfte dann gegen 17 Uhr los zu meinen Kumpels, die ähnlich ausgerüstet waren, um den Weg nach Stadum anzugehen.

Stadum war ja nur etwa sechs Kilometer entfernt und dürfte so wohl kein Problem darstellen, dachten wir uns und zogen los durch die ungeräumten Schneewehen bis zu der ca. 50 Meter entfernten Bundesstraße 199. Allein für diese Strecke benötigten wir wohl etwa 20 Minuten und kamen voller Tatendrang dort an. Wir stellten fest, dass nur die Fahrbahn einigermaßen geräumt war und links und rechts sich hohe Berge der weißen Masse auftürmten. Etwa alle 3 bis 5 Minuten kam uns ein Auto entgegen und wir mussten schnell auf oder über die Schneewehe am Fahrbahnrand springen. Wir kamen ca. 1 Kilometer weit in Richtung Stadum und legten eine Pause auf einer großen Verwehung ein. Der Tee schmeckte köstlich und wärmte den vollkommen durchnässten, eiskalten Körper wieder auf. Die Wollhandschuhe waren die falsche Wahl, stellte man schnell fest, denn die Finger und Hände waren nass und kalt und ließen sich kaum noch bewegen. Egal, die Rucksäcke wurden wieder geschultert und der Weg fortgesetzt, wir waren ja schließlich „harte Kerle“.  Wir schafften dann noch einen weiteren Kilometer, waren uns dann aber schnell einig, den Rückweg wieder anzutreten. Natürlich wollten wir es in den nächsten Tagen erneut versuchen, war die Absprache, so kam es aber nie. Vollkommen entkräftet durch das schwere Stapfen in nassen Klamotten kamen wir alle wieder wohlbehalten zu Hause an. Meine Mutter begrüßte mich mit einem Augenzwinkern, als hätte sie es gewusst.

Der Eisschollenritt

Nachdem die Schneemassen gewichen waren fuhren wir auf der zugefrorenen Lecker Au mit unseren Schlittschuhen. Als dann die Temperaturen wärmer wurden brach das Eis und es bildeten sich großen Eisschollen die in Richtung Nordsee trieben. Achim, sein jüngerer Bruder Lutz und ich waren begeistert und entschieden uns auf der gut gefüllten Au die Schollen zu besteigen. Im Augarten betraten wir die Schollen mit einem großen Stock als „Ruder“ bewaffnet in Richtung Ortsmitte. Das funktionierte perfekt und wir waren unter den Augen der anderen Jugendlichen, die uns am Uferrand begleiteten, die mutigsten, größten Seefahrer aller Zeiten. Dann kam die Süderbrücke bei der B 199. Die Au war zu hoch vom Wasserstand, so dass wir die Eisscholle verlassen, über die Straße rennen und auf der Brückenrückseite wieder aufspringen mussten. Eine wahre Meisterleistung – fanden wir.
Dann erreichten wir die Kokkedahler Brücke und ich entschied mich flach auf die Scholle zu legen, die mittlerweile nur noch halb so groß war, wie am Anfang der Tour. Achim und Lutz stiegen von ihrer Scholle ab und gingen zu Fuß über den Kokkedahler Weg auf die andere Seite. Ich verlor hierbei meinen Stock und damit mein „Ruder“, um mich ggf. an Land zu schieben. Lutz und Achim folgten nun am Deich neben der Au, wartend, dass die Scholle mich an den Rand trieb und ich zu ihnen stoßen konnte.  Ein aufgeregter Autofahrer hielt dann auf der Kokkedahler Brücke, stieg aus und rief mir zu, dass ich direkt in die Nordsee treiben werde. Ich rief zurück, dass dort noch eine Holzbrücke am Colasee kommt, falls ich nicht vorher an das Ufer getrieben werde. Der Autofahrer schrie zu mir, dass die Brücke viel zu hoch sei, um sie zu erreichen. Ich reagierte darauf gar nicht mehr und dachte, dass es ein Wichtigtuer sei. Kurze Zeit später sah ich im Dunkel des späten Abends, etwa 300 Meter von der Brücke entfernt, dass sich dort ein mit Blaulicht blinkendes Feuerwehrfahrzeug befand. Der Autofahrer hatte offenbar Leben retten wollen und hatte die Hilfskräfte alarmiert.  Meine Gedanken waren nur: „ Blaulicht, Papa, Ärger--- nichts wie weg!“ Ich entschloss mich zu einem unüberlegten Sprung in Richtung meiner Freunde am Uferrand. Ich landete natürlich in der eiskalten Au und schwamm in Richtung Ufer, wo ich mit der schweren, nassen Winterbekleidung gerade noch so an Land krabbeln konnte.  Meine Kumpels hatten weit aufgerissene Augen und fürchteten zu Hause ebenso Ärger, so dass das Motto war: Nur noch wech! Achim, der Ältere, führte uns an, im Sprint über die Felder in Richtung Leckeng. Da kam ein breiter Graben, den Achim nicht sah und er fiel prompt hinein und kletterte auf der anderen Seite wieder raus. Der Jüngere, Lutz, war zu klein für einen Sprung über diesen Graben und ging ebenfalls zu Wasser. Mit meiner, voll mit Wasser gesogenen Kleidung, war ich zu schwer und schaffte den Sprung ebenfalls nicht. So waren wir nun alle voll des stinkenden Wassers und setzten unsere Flucht fort. Gemeinsam beschlossen wir, uns während der Flucht warm zu halten und zogen ständig die Knie weit hoch beim Laufen und sagten: „Warm halten, warm halten!“

Nach einer großen Runde rund um Leck ereichten wir endlich unsere Heimatstraße. Zuhause angekommen erklärte ich meiner Mutter, dass ich versehentlich in die Au gerutscht wäre. Meine Mutter nahm es mit einem Augenzwinkern zur Kenntnis und nahm sich meiner nassen Klamotten an. Wusste sie etwa, dass dort etwas nicht stimmte? Noch bis heute, wenn ich Achim und Lutz ab und an mal wieder sehe, ist die erste Frage: „ Weißte noch? Unser Eisschollenritt. „

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